Leseprobe

Timo Rieg: „Verbannung nach Helgoland“, Kapitel: Machtmenschen
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. . . . . Lernen von den Schimpansen - Politiker als Machtmenschen

Wenn ein Dr. Phillip Watters oder einst Prof. Klaus Brinkmann eingeschwoben kommt, hat der Patient nicht etwa Angst vor der kurzen strengen Prüfung seines Leibes, sondern respektvolle Hoffnung. Der Chefarzt, der wird es doch richten. Wenn seine Lakaien, die Stations- und Assistenzärzte, auch noch nicht weit genug in den Himmel ragen – der Chef verständigt sich dort oben direkt mit dem HERRN selbst, vielleicht ist er auch der vierte Teil seiner Dreieinigkeit.

Auch andere Beobachtungen unseres täglichen Lebens nähren den Verdacht, dass Chefsein etwas dolles sein muss. Nicht immer angenehm, aber doch toll, groß- bis einzigartig. „Ich will sofort Ihren Chef sprechen!“ Der wird es oder sie oder ihn dann schon richten.

Den Chefsessel gibt es bereits für unter 100 Euro, beim „Büroartikelversender“ zum Beispiel. Die Exemplare, auf denen unser Ober-Chef seinen Gluteus maximus plättet, sind gehobene Preisklasse, aus Leder und im Kabinett mit leicht verlängerter Lehne gegenüber den Sitzmöbeln profaner MinisterInnen und Staatstippsen. Aber nun stellen wir uns das doch mal vor. Da pflanzt sich ein Politiker, der den obersten Politikerposten inne hat, auf einen relativ normalen Chefsessel, und der Reporter fragt: „Herr Bundeskanzler, wie geht es Ihnen?“ Furchtbar! Chefvisite auf arabisch, quasi. Jedenfalls nach allem, was Recht und Ordnung ist, verkehrt herum.

Gerhard Schröder hat das Problem bald erkannt. Nachdem er sich 1998 über den Zaun des Kanzleramtes geschwungen hatte, in das er unbedingt hinein wollte (diese Anekdote, by the way, muss nicht wahr sein, um wahr zu sein), die Hose noch heil, den Schlips aus dem Karriere-Notfallpack gezogen und korrekt gebunden, nimmt er nun Raum auf dem Stuhl, der die Welt bedeutet. Und ein Reporter spricht ihn an mit „Herr Bundeskanzler“. Hilfe! Das mag im ersten Moment ja noch cool klingen, aber schon nach wenigen Tagen dünkt einem intelligenten Menschen: das kann es ja wohl nicht sein! Denn mit Bundeskanzlern hat der Pöbel doch nie etwas zu tun! Wie soll er da die richtige Haltung annehmen? Herr Bundeskanzler, Frau Minister, Herr Schaffner, Frau Doktor, Frau Pfarrer, Fräulein Wachtmeister – das sind doch alles nur Figuren für den Moment. Wenn Sie mit dem Herrn Professor ganz offen über Ihre Familienplanungsrealisationsprobleme sprechen, werden Sie ihn doch nicht auch noch fragen, ob Sie wohl im Garten eine Laube bauen dürfen oder ob es in der U-Bahn nach 19 Uhr noch sicher ist. Es sind eben Spezialisten, die ihre Wirkungsbefugnis nur in einem eng umgrenzten Raum und zu eng gefassten Zeiten haben. Wenn ich den Taxifahrer nach dem Weg frage, kann er radebrechen wie er will: er weiß den Weg! Das hat so zu sein, und darum folge ich Wo-du-wolle-Üzdemirs Fahr- oder Gehanweisung auch blind. Aber niemals werde ich mir von ihm einen Tipp einholen, wo es leckere Lasagne  gibt. Das weiß er nicht, davon hat er keine Ahnung, Punktum.

Welch Schicksal für einen Politiker, der König sein möchte, der die Wichtigkeit einer Lottoziehung, die Omnipräsenz des Wetter und die Imposanz der Niagarafälle in sich zu vereinen glaubt.  

Und so adaptierte Schröder, der Kanzler, sehr genial den Lebensalltag seines Volkes für die Politik, was Verhältnisse nach oben angeht. „Bundeskanzler ist ganz nett, aber Chef müsste man sein“ mag er sich gedacht haben. Und schritt zur medialen Tat, um fortan Chef zu sein für alles, wo es keine Fragen mehr geben darf, keine Experten, keine ranggleichen Sachbearbeiter, keine Ressorts von Geistlichkeit und Weltlichkeit, Exekutive, Legislative und Judikative. Die Allmacht liegt in diesen vier bis fünf Buchstaben: Chef. Wenn ein Bundeskanzler fordert, eine Stunde pro Woche mehr zu arbeiten, gibt  es einen Aufschrei. Nicht wegen der einen Stunde, sondern wegen der Kompetenzüberschreitung. Dafür ist ein Kanzler nicht da, nicht in diesem bundesreichen Vaterland. Aber ein Chef, klein, pummelig und Gebieter über eine Autowerkstatt mit einem Azubi und einer nicht-legalisierten Aushilfe, er kann sagen: „Und heute macht ihr Überstunden, aus dem Wrack da drüben muss bis morgen wieder ein Hunaudieres werden.“ Das geht – fast ohne Maulen.

Gerhard Schröder muss das erkannt haben. Ein folgsames Land braucht heute einen Chef, und wenn es schon mit Film-Film-Trailern penetriert worden ist ggf. auch einen Chef-Chef. Eben einen absoluten Obermacker, der qua seines Chefseins zwar nicht über jede Kritik, aber mit Sicherheit über jeden Aufstand erhaben ist.

Tausend Fehler hätte Schröder bei seiner Chef-Selbstkür machen können – doch er hat sie alle Fehler anderer sein lassen. Das hat er als Studenten-Jobbler auf dem Bau gelernt: Ein Chef muss nicht sagen, dass er der Chef ist. Aber er muss sich immer wieder als solcher bemerkbar machen. Die klitzekleine Restkombinatorik muss das Proletariat schon selber leisten, emanzipiert wie es ist. Und so hat Schröder im wesentlichen drei Formen evolviert, sein Chefsein zu unterstreichen:

a) Beginne alle großen Sätze mit „Ich“. Man mag von Gottes Wort soviel halten wie Gerhard Schröder, - was kurze, knackige Machtworte angeht, sollte man einen Abschreibeblick in die Bibel riskieren. Wenn da ein Satz mit „Ich“ beginnt, folgt ein „bin“ oder „will“ oder „werde“ – jedenfalls klingt das, was Ich verkündet, sehr definitiv – und die Geschichte zumindest des Alten Testaments lehrt uns, das sehr ernst zu nehmen, denn der Ankündigung folgt stets die Tat – von einzelnen reuigen Rückzügen abgesehen.

b) Kein Chef sagt, dass er Chef ist, wenn er Chef bleiben will. Wer sich auf dieses Argumentationsniveau begibt, hat bereits verloren. Ein Chef sagt nicht: „Ich bin der Boss hier, ich feure Sie!“ sondern etwas der Art: „Wir können uns an dieser Stelle auch trennen.“ Wer ein Schulterabzeichen braucht, damit jemand vor ihm stramm steht, wird in der Klause zwangsläufig unter den Tisch gesoffen. Man darf nicht erklären, der Chef zu sein, man muss zeigen, dass gerade ein Chef handelt. Schröder hat als juristischer Wortakrobat perfektioniert. Er kombiniert die Ich-Gewalt mit dem Hinweis auf die Chef-Tätigkeit. Grandios: Ich habe den Aufbau Ost zur Chefsache erklärt.

d) Sollte irgendwer dumm dazwischenquatschen, gib ihm eins auf die Zwölf. Bloß argumentiere niemals! Das hat unser Chamäleon zugegebener Maßen vom schwarzen Elefanten gelernt. „Herr Kohl?“ – „Für Sie immer noch Herr Doktor Kohl!“ 

Einen echten Doktor hat Gerhard allerdings nicht. Um so eifriger ist er damit befasst, sich Machtinsignien selbst herbeizudeklarieren, wenn dazu der Spiegel auch schreiben musste: „Von der Holzmann-Pleite bis zur Neuordnung des Finanzplatzes Deutschland, vom Aventis-Verkauf bis zur Zukunft der Postbank – fast immer, wenn Kanzler Gerhard Schröder ein Wirtschaftsprojekt zur Chefsache erklärt, geht es schief.“  Was nun aber weder Wunder nimmt noch irgendwie stört. 

Nun gut, derzeit läuft für den Chef wirklich nicht alles zum Besten. Niemand will ihn mehr als Chef-Chef haben, innerhalb der Partei (doch, die gibt es noch, trotz 35% Mitgliederschwund innerhalb einer Dekade) ist er bereits teil-demontiert, nur ist noch nicht geklärt, ob China die Teile kaufen will und darf.  Es muss ihn schmerzen, als Alphatierchen den recht simplen Erfolg schon bei Politikern mit Mannschaftsdienstgrad zu beobachten. Denn Politiker jedweden intellektuellen Startbudgets finden Wege zur Macht, wenn auch nicht alle bis in den Swimmingpool.

Heute kennt jeder 10-Klässler das Beispiel vom Schimpansen Mike, der sich an leeren Wasserkanistern von Jane Goodall vergriffen hatte und begeistert war, welche Macht ihm diese stibitzten Plastiktanks verleihen, wenn er auf ihnen trommelte: auch ranghöhere Kollegen verneigten sich tief vor ihm. Primitiv hingegen mutet uns an, wenn wir in Geschichte lernen sollen, irgendwelche bekloppten Vorfahren hätten sich Hirn und Schwanz ihrer gemeuchelten Gegner kulinarisch einverleibt, um ihre geistige wie physische Potenz zu inkorporieren.

Nichts anders machen unsere Politiker, wenn sie sich über Super-Weiber und Super-Männer echauffieren. Da gab es jüngst den Fall Kaplan. Eine lange und langweilige Geschichte, zugegeben, denn was machen wir für ein Bohei um einen einzelnen Idioten, wo wir davon Tausende jedweder, aber überwiegend deutscher Nationalität in unserem Refugium rumspringen haben. Doch Metin Kaplan, diese politische Null-Nummer, von unseren Medien daher stets um der Dramaturgie willen mit dem Attribut „selbsternannter Kalif von Köln“ versehen (wobei „Kalif“ besonders geil ist, denn niemand weiß, was das sein soll, aber es klingt bedrohlich-orientalisch) , er hat es geschafft. Oder viel mehr: die Politiker haben ihn geschaffen. Er wäre uns recht egal gewesen, dieser Mietwohnblockhauser, wiederum der Dramaturgie geschuldet lieber „Hass-Prediger“ genannt, was immer solch eine Kreatur sein mag.

Kaplan sollte ausgewiesen werden. Nicht nur in so hochstilisierten Fällen bedeutet dies: Sobald es eine „Rechtsgrundlage“ gibt, wer immer sie wie geschaffen haben mag, kommt die Polizei in großer Zuvorkommenheit mit Blick auf deinen Terminkalender morgens um 5 Uhr und bittet dich, deine sieben Sachen zu packen und mal eben mitzukommen in den Abschiebeknast. Nun war das bei Metin nicht so einfach. Der Arsch besaß die Dreistigkeit, vor ein deutsches, gänzlich unislamisches Gericht zu ziehen, und seine Forderung zu vertreten, nicht in die Türkei verbracht zu werden, weil es dort unangenehm für ihn werden könnte. In Einzelfällen, das räumt selbst das Bundesinnenministerium, an dieser Stelle für die Außenverbringung zuständig, ein, könne dies schon mal so gewesen sein: ein bisschen Folter, ein bisschen Erpressung, nicht immer ganz so, wie wir uns das wünschen, so offiziell. Aber Angesichts der Tatsache, dass auch in deutschen Gefängnissen oder auf deutschen Polizeiwachen hin und wieder jemand ablebt, und vor allem angesichts der Tatsache, dass der Kalif ja inzwischen dank deutscher Bemühungen eine echte Berühmtheit geworden ist, habe der Verbrecher (Anstiftung zum Mord ist ihm bundesgerichtlich attestiert), im Nachbarländle auch nicht mehr zu befürchten, als von kölschen Skins. Das ein oder andere Gericht sah dies leicht anders und wollte Kaplan nicht abgeschoben sehen, solang der berühmte „faire Prozess“ nicht gewährleistet sei. Letztlich wurde aber anders entschieden: Abschiebung erlaubt. Nun fehlte es den tugendhaften deutschen Vollzugsbehörden ein wenig am Rechtsverständnis, das unter anderem einen kleinen Unterschied kennt zwischen Richterspruch und rechtskräftigem Urteil. Wir wollen an dieser Stelle gar nicht die Geschichte bemühen, ob es sinnvoll ist, vor der Erschießung noch mal kurz innezuhalten, ob auch alles okay sei für die Endgültigkeit, wir stellen nur fest, was unsere Politiker und Polizisten und Staatsschützer an dieser Stelle feststellen mussten: Metin Kaplan war auf der Wackel, als die Polizei ihn in den Urlaub schicken wollte, kurzer Aufenthalt am Zubringer inklusive. Wie die Geschichte ausging, wissen Sie, aber das ist auch belanglos. Spannend ist, was dazwischen passierte: Recht und Ordnung waren formal wiederhergestellt, der Schurke sollte in einen Rechtsstaat abgeschoben werden und uns nicht weiter auf die Eier gehen. Wer mag da anderes fordern. Doch Kaplan, wie gesagt, war kurz auf Party. Mal so eben an seinen total unauffälligen Bewachern vorbei austreten. Was tun? So als Politiker?

Man könnte auf seine Todo-Liste schauen und feststellen: „Scheiße, auch in diesem Jahr 400 vergewaltigte Mädchen und Jungen in meinem Wahlkreis, wo wir den Vater, Onkel oder Bruder noch nicht gefasst haben, neuntausend total überschuldete Familien,  jeder zehnte Jugendliche ohne Schulabschluss und ein Himmel, der uns gleich auf den Kopf fällt. Also vergiss diese kurze Show-Nummer Kaplan, sollen sich die Zuständigen darum kümmern und ihn im Rahmen der Gesetze laufen lassen oder abschieben oder foltern oder hofieren.“ Doch Politiker haben keine Zeit, sich um solche Probleme zu kümmern. Sie sind ganzjährig mit der Balz befasst, mit Imponierkämpfen für die Wählerbraut oder auch nur wegen eines Gendefekts.  Sie wollen den Bösewicht von anderen zerfleischt sehen und dann seine Glocken läuten lassen, auf dass ihr Klang das Volk versammelt zur Huldigung ihrer Hohepriester.

Kaplans Knödel waren hier im simpelsten Fall Jürgen Rüttgers Worte von der „großen Blamage für den Innenminister“ oder die Rücktrittsforderung der FDP, gerichtet an  eben diesen NRW-Innenminister Behrens.  Was da passiert, ist weit mehr als politisches Techtelmechtel. Es ist Imponiergehabe pur. Wie der Dorfpickel mit seinem getunten Mazda und die Klassenschlampe mit Push-up-BH und Lippenstift ihre Attraktivität aufwerten, so tun dies Politiker, indem sie sich gegenseitig Versäumnisse und Fehlentscheidungen in Bereichen ankreiden, mit denen sie gar nichts zu schaffen haben, die fern ab ihrer Kompetenz liegen. Das ist genial: Der Innenminister hat quasi persönlich den kalifischen Hass-Prediger laufen lassen, ist nicht fähig, sein Volk vor einem Terroristen zu schützen. Ha! Wenn da nicht die Glocken läuten: „Mir, liebe Untertan, wäre das natürlich nicht passiert. Vertraut mir, und ich werde von meinem Düsseldorfer Schreibtisch aus einen wie Metin Kaplan mit meinem Großen Onkel zermahlen.“

Dieses Schema funktioniert immer. Erst wird eine Bedrohung geschaffen: da fürchtet sich dann ein ganzes Land vor einem ausgebrochenen Vergewaltiger. Oder entsetzt sich über einen „Todespiloten“ mit Liebeskummer. Auch nicht-personal klappt das hervorragend, manchmal noch besser: Die Bedrohung durch die unscheinbaren schwarzen Schattengestalten, die aus dem Schlick des Wattenmeeres und den Ufern der Oder nächtens in unser Land eindringen – Hilfe, Hilfe. Sieg, wer einfach dreist genug ist zu behaupten, der Sache Herr zu sein. Denn das ist der zweite Teil: die selbsterschaffenen Bedrohung nimmt nun ein Politiker in den verbalen Schwitzkasten. Da fliehen dann sogar Al-Qaida-Getreue aus God’s own country  und ein Saddam Hussein verkriecht sich ins Erdloch – wenn da auch nicht nur Worte gewirkt haben.

Es sind nicht die Medien, die aus diesen Nichtsen Gladiatoren in der Arena der Globalisierung machen. Sie werfen den Ball höchstens ins Spiel. Politiker sind es, die ihn aufnehmen, dribbeln und zu einer Performance steigern. Ob da ein minderjähriger türkischer Münchner mit Gewalt und Diebstahl nervt, ob ein Schwererziehbarer im Ausland seinen Betreuer erschießt, - solche im Weltenlauf kleinen, eigentlich unbedeutsamen Ereignisse werden von Politikern zu nationalen Katastrophen hochstilisiert, um ihnen Macht zu verleihen. Denn wir alle haben es im Urin: Schwätzer sind keine Chefs, Plenarsaalartisten bekommen von uns keinen Applaus. Aber Menschen, die Dinge in die Hand nehmen, die auch bereit sind, den Lauf der Welt zu verändern, die sich eben so einen 14-jährigen schnappen und ihn eigenhändig nach Ankara schaffen – das sind Führer, denen wir folgen.

Täuschung gehört zum Geschäft. Das ist nichts ehrenrühriges. Die meisten schwarz-gelb gestreiften Hautflügler sind ganz harmlose Zeitgenossen, aber sie behaupten einfach mal, ein bisschen Wespe zu sein. Das funktioniert – meistens. 

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Timo Rieg:

Verbannung nach Helgoland

Reich & glücklich ohne Politiker -
Ein Masterplan für alle Stammtische und Kegelclubs draußen im Land

Hardcover, 320 Seiten, EUR 13,50
ISBN 3-928781-11-1

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